Umbau der Energieversorgung

Rückenwind für die Wende

Von Michael Gneuss · 2022

Der Umbau der Energieversorgung hat vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine noch einmal eine neue Bedeutung bekommen. Der Ausbau der Kapazitäten für Wind- und Solarstrom wird beschleunigt. Gut möglich, dass auch die CO2-Emissionen in Deutschland nun stärker sinken, als es sonst der Fall gewesen wäre. Dennoch: Der Umbruch wird für die Wirtschaft und die Verbraucher umso härter.

Windräder und Solarplatten vor einem Wasserwerk während eines Sonnenuntergangs.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss beschleunigt werden. Foto: iStock / bombermoon

Es scheint, als wenn nichts mehr so ist, wie es einmal war. Energie ist für uns immer schon existenziell gewesen. Dass es mit der Versorgung wirklich einmal knapp und die Preise fast unbezahlbar werden würden, konnten wir uns kaum vorstellen. Mittlerweile wissen wir, dass Strom, Wärme und Benzin bei Weitem nicht so selbstverständlich sind, wie wir geglaubt hatten. Auch der Fahrplan zur Energiewende steht auf dem Prüfstand. Der Ausstieg aus der Kernenergie und ebenso der aus der Kohle scheinen nicht mehr in Stein gemeißelt zu sein. Gleichzeitig hat das Gas aber auch seinen Ruf als zuverlässige Brückentechnologie verloren. Jetzt, da die Knappheiten auf den Energiemärkten die Preise dramatisch ansteigen lassen, gerät leicht in Vergessenheit, dass die Abkehr von den fossilen Energien eigentlich schon lange das Ziel ist. Die Grausamkeiten des Krieges verdrängen aber aktuell die Gefahren des Klimawandels und die Herausforderungen der Klimaanpassung. 

Green Deal und Digitalisierung

Die Energiesicherheit und eine möglichst hohe Unabhängigkeit von der Belieferung einzelner Staaten müssen daher im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den Klimawandel betrachtet werden. Der Ökonom und Zukunftsforscher Jeremy Rifkin, Gründer und Vorsitzender der Foundation of Economic Trends in Washington, spricht in diesem Zusammenhang sogar von der „dritten industriellen Revolution“, die für ihn aus der Digitalisierung und dem Green Deal besteht. 

Grundsätzlich hat ein großer Teil der Unternehmen diese Themen schon vor der russischen Invasion auf der Agenda gehabt – und zwar mit hoher Priorität. Sie haben sich der doppelten Transformation verschrieben, also dem Umbau zu digitalen und nachhaltig wirtschaftenden Organisationen, die sich an ihren Erfolgen im Kampf gegen die CO2-Emissionen messen lassen werden. Diese strategischen Weichenstellungen in vielen Konzernen sind gerade vor dem Hintergrund der neuesten Verwerfungen an den Energiemärkten unumkehrbar. Auch Rifkin glaubt nicht, dass es zu einer Abkehr vom Ausstieg aus den fossilen Energieträgern kommen wird. Jetzt werde in der Europäischen Union erst recht am Abbau der Abhängigkeiten gearbeitet, meint er. Mit einem Comeback der Kernenergie rechnet er ebenfalls nicht. Einer der Gründe: Der Bau neuer Atommeiler dauert lange, auf jeden Fall länger als die Schaffung weiterer Kapazitäten für Wind- und Solarstrom. 

Ausbau der Erneuerbaren beschleunigen

Von welcher Seite aus die gegenwärtigen Herausforderungen auch betrachtet werden: Der beschleunigte Ausbau der erneuerbaren Energien ist so oder so das Gebot der Stunde. Er senkt die Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern und reduziert die CO2-Emissionen. Der Teil der Energiewende, der vor uns liegt, ist aber weitaus komplexer. Das gesamte Versorgungssystem muss renoviert werden. Benötigt werden Speicher, die den volatilen Strom auch in Dunkelflauten verfügbar machen, und eine Wasserstoffwirtschaft, die grünen Wasserstoff produziert, um fossile Energieträger so weit wie möglich zu substituieren. 

Umfassende Transformation durch Umbau der Energieversorgung

Unternehmen stehen dabei vor einer Fülle an Herausforderungen, die es so wohl noch nie gegeben hat. Während sie noch inmitten der digitalen Transformation stehen, müssen nun auch der Green Deal und gleichzeitig der eklatante und wachsende Fachkräftemangel bewältigt werden. Das wird insbesondere Auswirkungen auf die Produkt- und Dienstleistungspalette haben. Als aussichtsreich für die Märkte der Zukunft gelten Güter, die zur Klimaneutralität beitragen und zum Beispiel in einer Kreislaufwirtschaft integriert sind. Zum Treiber der Entwicklung kann dabei auch die Finanzwirtschaft werden. Sie stellt Kapital vermehrt für nachhaltige Investitionsvorhaben bereit. Das heißt: Für Innovationen, die aussichtsreich zur Klimaneutralität beitragen können, sind die Finanzierungschancen gut. Und das ist immens wichtig. Denn jetzt werden neue Erfindungen gebraucht, die das künftige Energieversorgungssystem optimieren. 

Dabei rücken auch die Wärme- und die Verkehrswende vermehrt in den Blickpunkt. Beide Bereiche wurden bislang stark vernachlässigt. Entsprechend hoch sind hier die CO2-Einsparpotenziale. Für den Gebäudesektor schätzt etwa Lamia Messari-Becker, Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen, dass schon mit kurzfristigen Maßnahmen etwa 25 Prozent des Energieverbrauchs eingespart werden könnten. Dazu kann auch die Modernisierung der verwendeten Heiztechnologien beitragen. Bislang liegt der Anteil der erneuerbaren Energien in der Wärmeversorgung erst bei 15 Prozent. Ein weiterer wirkungsvoller Hebel ist schlichtes Energiesparen. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) beträgt in der Europäischen Union die durchschnittliche Temperatur in beheizten Gebäuden rund 22 Grad Celsius. Würden wir nur auf ein Grad Celsius Wärme verzichten, würde es unverzüglich zu jährlichen Einsparungen von etwa zehn Milliarden Kubikmetern Erdgas führen. Es gibt also viele Möglichkeiten, mit der Energiekrise fertig zu werden. Jetzt gilt: einfach machen.

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