Kampf gegen den Klimawandel

Jahrhundertaufgabe für die Menschheit

Von Michael Gneuss und Katharina Lehmann · 2021

Für die nächste Bundesregierung ist der Kampf gegen den Klimawandel wohl die schwerste Bewährungsprobe – mit zahlreichen Wechselwirkungen zu anderen Politikfeldern. Sie muss beweisen, dass sie der Komplexität der Herausforderung gewachsen ist. Aber auch die Wirtschaft ist gefordert.

Gletscher, von dem Eisbrocken abfallen
Foto: iStock/ slowmotiongli

Der Schock sitzt tief. Im Sommer forderte die Hochwasserkatastrophe in mehreren Bundesländern insgesamt mehr als 200 Menschenleben. Die Sachschäden sind immens, ganze Dörfer wurden verwüstet. Den Wiederaufbaufonds statten Bund und Länder mit 30 Milliarden Euro aus. Regenfälle mit 93 Litern pro Quadratmeter wie sie im Juli an Ahr und Erft zu beobachten waren, hat es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Deutschland noch nicht gegeben. Für Wissenschaftler ist das Extrem-Wetterereignis eindeutig eine Folge des Klimawandels. Das heißt: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir solche Horrorbilder in Deutschland wiedersehen werden, ist deutlich gestiegen.

Kein Wunder, dass der Klimaschutz auch im Bundestagswahlkampf zu den Topthemen gehörte. Deutschland muss einen Beitrag leisten, um den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Gelingt das nicht, sind die Auswirkungen kaum zu beherrschen, warnen Klimaforscher. Wie es auf unserem Planeten bei einem Anstieg von vier Grad aussieht, möchten selbst Experten nicht prognostizieren.

Kampf gegen den Klimawandel: Die Ziele werden verfehlt

Klimaziele haben bereits die Vorgänger der neuen politischen Entscheidungsträger in Berlin gesetzt. Nur eingehalten wurden sie noch nicht. Jedenfalls kommt der Projektionsbericht des Bundesumweltministeriums zu dem Schluss, dass im Zeitraum von 1990 bis 2030 bei den bisherigen Bemühungen der Regierung eine Minderung der CO2-Emissionen von 49 Prozent erreicht wird. Im Klimaschutzgesetz sind allerdings 65 Prozent festgeschrieben. Von 1990 bis 2040 liegt die Latte bei 88 Prozent. Laut Projektionsbericht sind nach aktuellem Stand allerdings nur 67 Prozent zu erwarten.

Die künftige Bundesregierung steht also mächtig unter Druck. Noch mehr als die Politik sehen die Bürger allerdings die Wirtschaft in der Pflicht. Laut einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, die vom Gemeinschaftsausschuss der Deutschen Gewerblichen Wirtschaft beauftragt wurde, sehen die Deutschen die Wirtschaft als wichtigsten Akteur im Kampf gegen den Klimawandel. Immerhin 89 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Unternehmen viel oder sehr viel zum Klimaschutz beitragen können. Die Politik kam bei dieser Umfrage auf 80 und die Verbraucher kamen auf 73 Prozent. Tatsächlich müssen alle drei genannten Gruppen die Herausforderung im Schulterschluss bewältigen.

Deutschland ist indes zu klein, um das Problem allein zu lösen, aber zu groß, um die Verantwortung beiseitezuschieben. Die große Chance besteht darin, der Welt zu zeigen, wie auch eine klimaneutral agierende Wirtschaft global erfolgreich sein kann und wie eine Gesellschaft ohne Wohlstandseinbußen leben kann, wenn die CO2-Emissionen drastisch verringert werden.

Vorreiter in der Welt

Quelle: ARD-DeutschlandTREND, 2021

Dazu brauchen wir tüchtige Menschen mit innovativen Ideen und einer enormen Gestaltungskraft, die auch die Komplexität beherrschen, die im Kampf gegen die CO2-Emissionen auf uns zukommt. Denn wir müssen Lösungen entwickeln, mit denen wir auch ohne Verbrennungsmotoren mindestens genauso mobil bleiben wie bisher. Wir brauchen Konzepte, wie wir in CO2-neutralen Wohnungen nicht frieren. In der Industrie müssen wir mit dekarbonisierten Produkten Wettbewerbsvorteile erzielen. Kurzum: Wenn wir international etwas erreichen wollen, müssen wir die Energiewende ebenso wie die Verkehrs- und die Wärmewende als einen langfristigen Vorteil präsentieren.

Ist das realistisch? Zunächst stellt sich die Frage, was die Wende kostet und ob sie überhaupt etwas kostet. Ist sie nicht vielmehr eine Investition, um noch höhere Ausgaben zu verhindern? Die Hochwasserkatastrophe hat gezeigt, was auf uns zukommen kann.

Grundsätzlich ist auch absehbar, dass eines Tages eine Energieversorgung auf Basis von Solar- und Windkraft billiger sein wird als das Festhalten an den heutigen Kohle- und Gaskraftwerken – schließlich bedarf es dafür immer eines Brennstoffeinsatzes. Ist also erst einmal eine neue Infrastruktur für die Erzeugung und den Transport der Erneuerbaren geschaffen, ermöglicht sie sogar eine günstigere Versorgung von Industrie und Verbrauchern. Allerdings ist das momentan noch eine Perspektive, die in späteren Dekaden zu erreichen sein wird.

Zunächst steht die Politik vor sehr herausfordernden Entscheidungen. Denn sie hat Wechselwirkungen mit diversen anderen politischen Aufgabenstellungen zu beachten. Neben der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie muss sie auch soziale Faktoren im Blick behalten. So muss das Wohnen bezahlbar bleiben. Wie aber ist das Ziel, die Mieten nicht weiter steigen zu lassen, mit der Notwendigkeit von immensen Klimaschutzinvestitionen in die Gebäude zu vereinbaren? Wie ist zu gewährleisten, dass auch sozial Schwächere mobil bleiben, wenn das Benzin immer teurer wird, E-Autos für sie noch unerschwinglich sind und der ÖPNV in manchen Regionen nicht alle Mobilitätsbedürfnisse befriedigen kann? Und wie können die öffentlichen Haushalte unter dem enormen Ausgabendruck im Gleichgewicht bleiben, ohne Bürger und Unternehmen mit zu hohen Steuern zu überfordern?

Bürokratieabbau forcieren

Relativ billig ist indes die Entfesselung unserer Wirtschaft von allzu viel Bürokratie – oder anders ausgedrückt: Die schier unendlichen Genehmigungsverfahren und sonstigen Hemmnisse beim Aufbau einer neuen klimagerechten Versorgungsstruktur können wir uns nicht mehr leisten. Ansonsten werden wir nicht schnell genug ausreichend neue Wind- und Solarkraftanlagen bauen können, um den enorm wachsenden Bedarf an Grünstrom zu decken. Und auch beim Ausbau des Transportnetzes für erneuerbare Energien muss das Tempo steigen.

Weniger Bürokratie entlastet aber auch die Wirtschaft generell, die im Zuge des Klimaschutzes sowie steigender CO2-Preise massiv unter Druck gerät. Nur mit ihren Innovationen kann es aber gelingen, Deutschland zu einem Vorbild in Sachen Klimaschutz zu machen und andere Länder von diesem Weg zu überzeugen. Und oft schon haben die Erfindungen deutscher Ingenieure auf dem Weltmarkt überzeugt. Warum also sollen Klimaschutz-Innovationen nicht zu den neuen Exportschlagern „Made in Germany“ werden?

Die neue Bundesregierung wird in den kommenden Wochen und Monaten vom Wahlkampf- in den Klimakampf-Modus umschalten müssen und auch diese Aspekte zu berücksichtigen haben. Wer auch immer das Zepter dann in den Händen halten wird: Der Wähler hat ihnen in puncto Klimaschutz für vier Jahre eine immense Verantwortung übertragen. Hoffen wir, dass die neuen Köpfe dem gerecht werden.

Quellen:
Tagesschau: Klimawandel mitverantwortlich für Juli-Flut
t-online: Höhere Preise fürs Klima? Das denken die Deutschen wirklich

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